In vielen Unternehmen ist „People Analytics“ bereits Realität: HR-Systeme, Engagement-Surveys, Performance-Daten und Collaboration-Tools erzeugen eine stetig wachsende Datenmenge. Doch aus „Big Data“ wird erst dann ein strategischer Vorteil, wenn diese Daten an einem klaren, wissenschaftlichen Modell menschlichen Verhaltens ausgerichtet werden. Genau hier setzt Persönlichkeitsdiagnostik auf Basis des Big-Five-Modells an.
Big Data im HR: Viel Volumen, wenig Richtung
HR-Abteilungen verfügen heute über mehr Daten als je zuvor. Diese Daten reichen von Bewerbungs- und Laufbahndaten über Feedback-Informationen bis zu Nutzungsdaten von Lernplattformen. Ohne theoretischen Rahmen droht jedoch ein „Reporting ohne Richtung“: Viele Kennzahlen, wenig Handlungsorientierung.
Persönlichkeitsdaten bieten hier einen stabilen Bezugsrahmen. Sie helfen zu erklären, warum Mitarbeitende in bestimmten Kontexten so handeln, wie sie handeln – und wie sich dieses Verhalten voraussichtlich in Zukunft zeigt. Voraussetzung ist, dass die eingesetzten Persönlichkeitstests professionellen Gütekriterien genügen, also insbesondere reliabel und valide sind.
Warum ausgerechnet die Big Five?
Das Big-Five-Modell beschreibt Persönlichkeit entlang fünf kontinuierlicher Dimensionen: Extraversion vs. Introversion, Kooperation vs. Wettbewerbsorientierung, Gewissenhaftigkeit vs. Flexibilität, Sensibilität vs. Emotionale Stabilität und Offenheit für Erfahrungen vs. Beständigkeit. Dieses dimensionale Verständnis vermeidet starre Typologien und erlaubt eine differenzierte Betrachtung – vor allem wenn die unter den Hauptdimensionen liegenden Facetten wie Leistungsorientierung, Stressresistenz oder Kontrollorientierung in die Betrachtung einbezogen werden.
Für Unternehmen bedeutet das: Wer Big-Five-basierte Persönlichkeitsdaten nutzt, erhält keine „bunte Typologie“, sondern belastbare, kontinuierliche Kennzahlen, die mit relevanten Outcome-Größen wie Passung zu einer bestimmten Position, individuellen Karrierepfaden oder Führungsperformance verknüpfbar sind.
Drei zentrale Lerneffekte aus Persönlichkeitsdaten
Persönlichkeitsdiagnostik entfaltet ihren Wert dort, wo sie sinnvoll mit Unternehmensdaten verknüpft wird – etwa Fluktuationsraten, Teamperformance oder Entwicklungsverläufen.
- Präzisere Passung in Auswahl und Entwicklung
Für HR und Recruiter ist die zentrale Frage: Welche Persönlichkeitsmerkmale versprechen eine möglichst große Passung zu einer definierten Aufgabe oder einer spezifischen Rolle? Die Verknüpfung von Big-Five-Profilen mit Aufgabenbeschreibungen und Kompetenzmodellen ermöglicht, berufs- und kontextspezifische Anforderungsprofile zu definieren, statt auf generelle Idealbilder zu setzen.
Für die Praxis bedeutet das:
- Im Recruiting werden Big-Five-Ergebnisse als ergänzende Information zur Passung genutzt.
- In der Entwicklungsarbeit lassen sich individuelle Stärken und Entwicklungsfelder (z. B. Impulskontrolle, soziale Durchsetzungsfähigkeit, Veränderungsbereitschaft) gezielt adressieren.
- Coaches können Interventionen entlang klarer Facetten und Kompetenzen planen und Fortschritte über Re-Tests dokumentieren.
- Team- und Kulturdiagnose auf Datenbasis
Auf aggregierter Ebene helfen Persönlichkeitsdaten, Team- und Kulturmuster sichtbar zu machen. Typische Fragen in HR und Organisationsentwicklung sind: Haben wir in dieser Einheit eher einen „hoch gewissenhaften“ Kulturfokus? Wie stark sind Offenheit und Veränderungsbereitschaft ausgeprägt? Gibt es Cluster mit erhöhtem Risiko für Überlastung, etwa bei niedriger emotionaler Stabilität?
Solche Analysen dürfen niemals zur Stigmatisierung einzelner Personen führen. Richtig eingesetzt ermöglichen sie jedoch:
- bewusste Teambesetzung (z. B. Balance aus Strukturorientierung und Kreativität),
- gezielte Kulturentwicklung (z. B. Förderung von Offenheit und psychologischer Sicherheit),
- evidenzbasiertes Change-Management (z. B. Identifikation von Unterstützer- und Risikogruppen).
- Wirksamere Persönlichkeitsentwicklung statt Gießkanne
Big Data in HR wird häufig genutzt, um Standardprogramme zu optimieren. Persönlichkeitsdaten erlauben einen anderen Ansatz: von der Maßnahme zur Person, nicht umgekehrt.
Für Coaches und interne HR-Development-Teams heißt das:
- Entwicklungsziele werden in der Sprache der Big Five formuliert (z. B. „zielgerichtete Erarbeitung von Verhaltensweisen aus dem Bereich Gewissenhaftigkeit in der Planung“).
- Fortschritte können über wiederholte Messungen sichtbar gemacht und mit Verhaltensbeispielen verknüpft werden.
- Persönlichkeitsentwicklung wird vom „Soft Skill Nice-to-have“ zur nachweislich wirkungsvollen Intervention.
Governance: Leitplanken für den Umgang mit Persönlichkeitsdaten
Weil Persönlichkeitsprofile sensible Daten sind, braucht es klare Regeln. Aus Sicht von HR, Recruitern und Coaches sind insbesondere fünf Prinzipien zentral:
- Zweckbindung: Es muss klar sein, wofür die Daten genutzt werden (z. B. Auswahl, Entwicklung, Coaching) – und wofür explizit nicht.
- Transparenz: Teilnehmende müssen die Logik der Auswertung, die Bedeutung der Skalen und die Konsequenzen verstehen.
- Freiwilligkeit und Einwilligung: Besonders in Entwicklungs- und Coaching-Kontexten sollten Persönlichkeitstests freiwillig und mit informierter Einwilligung erfolgen.
- Qualifizierung: Professioneller Einsatz bedarf fundierter Schulung, etwa einer zweitägigen Zertifizierung für Big-Five-basierte Tools, wie sie Anbieter wie LINC bereitstellen.
- Kontinuierliche Evaluation: Regelmäßige Überprüfung der Validität, Fairness und Akzeptanz der eingesetzten Verfahren ist Pflicht, nicht Kür.
Fazit: Von der Datensammlung zur evidenzbasierten Entscheidung
Der Schritt von Big Data zu Big Five ist für Unternehmen vor allem ein Perspektivwechsel: Weg vom Sammeln möglichst vieler HR-Daten, hin zur gezielten Nutzung wissenschaftlich fundierter Persönlichkeitsinformationen. Für HR, Recruiter und Coaches eröffnet das die Möglichkeit, Entscheidungen in Auswahl, Entwicklung und Kulturarbeit konsistenter, fairer und wirksamer zu treffen.
Persönlichkeitsdiagnostik auf Basis des Big-Five-Modells wird so zum verbindenden Rahmen: Sie übersetzt Daten in Verhalten, unterstützt strategische Personalentscheidungen und macht Persönlichkeitsentwicklung mess- und steuerbar – ohne Menschen auf starre Typen zu reduzieren. Wer diese Potenziale verantwortungsvoll nutzt, kann Persönlichkeitsdaten zu einem echten Wettbewerbsvorteil machen.
Ihr
Dr. Ronald Franke
